Muniz und Flüssmeyer

I.O. Muniz und K. Flüssmeyer. Bild: K. Brunkhorst

27. November 2012

Die spanische Fachkraft und der deutsche Fachkräftemangel

Teil 2: „Am Anfang hatte ich ein bisschen Angst.“

Nachdem letzte Woche Icaro Obeso Muñiz von seiner Seite der Medaille berichtete, kommt heute wie angekündigt seine Chefin zu Wort: Kirstin Flüssmeyer (33) leitet ein Osnabrücker Vermessungsbüro in dritter Generation und hat den jungen Spanier angeheuert, um ihren Betrieb fit für die Zukunft zu machen. Zunächst erzählt die Unternehmerin von ihrem bisherigen Weg – damit man besser nachvollziehen kann, wie es dazu kam, dass sie diesen noch immer nicht ganz gewöhnlichen Schritt wagen konnte.

Erst im August vor drei Jahren kehrte sie wieder heim nach Osnabrück: „Ich wusste, ich komme hierher zurück, aber das war nicht immer einfach.“ Viele Versuchungen abseits des für sie vorgezeichneten Wegs lockten: Eine Karriere im Journalismus etwa, im Fernsehen oder in der Politik. Berlin, Hannover, Göttingen und Stade zählten zu ihren Stationen sowie über sechs Jahre in Karlsruhe, wo sie ihr Studium absolvierte. “Die Landschaft war wunderschön, aber das Nordisch-Ironische hat mir gefehlt.“ Je sieben Monate verbrachte Flüssmeyer auch „JWD“, janz weit draußen, in der großen Welt: in Australien, wo sie zur Schule, und Brasilien, wo sie auf die Uni ging. Genauer, in Curitiba, einer 8-Millionen-Stadt mit vielen westlichen Einwanderern und Orten, wo nur deutsch gesprochen wird.

Dann kam sie nach Hause, sah den Familienbetrieb und sagte: „Ich mach’ das“ – und stürzte sich ganz ins Vermessen. Damals, also vor drei Jahren, boomte auch die Baubranche, der Aufschwung schwang und die Auftragslage war gut. Fast zu gut: „Der Fachkräftemangel war und ist Thema.“ Während 2009 noch Flüssmeyer selbst, ihr Vater und sieben Angestellte die Arbeit stemmten, sind es heute bereits zehn Mitarbeiter; und ab 2014 wird die junge Ingenieurin diese führen, allein das Heft in die Hand nehmen. Viele ihrer Leute sind noch vom Vater übernommen, drei feiern bald ihr 40jähriges Betriebsjubiläum.

„Die alte Generation ist am Gehen“, stellt Flüssmeyer fest, die dies als deutschlandweites Problem für ihre Branche sieht: „Die deutschen Bewerber sind im Schnitt 55 Jahre alt.“ Schwierig, wenn man wie sie ein Unternehmen nachhaltig zukunftsfähig machen will: „Ich muss mich jetzt frühzeitig um Nachwuchs kümmern“, sagt sie. In ihrem Fall kam der Nachwuchs, zumindest zum Teil, aus dem krisengebeutelten Spanien.

Icaro Obeso Muñiz fand über die EURES-Website zu ihr. Was ihr zunächst spanisch vorkam, denn: „Ich wusste nicht, dass die ARGE das so streut!“ Da war sie anfangs überrascht von seiner Bewerbung, und hatte „am Anfang auch ein bisschen Angst.“ Dann überzeugte sie aber die Initiative des jungen spanischen Ingenieurs, und sie war bereit, das Risiko einzugehen. Und „das ist der Punkt“ für Kirstin Flüssmeyer: „Dadurch, dass man selbst so viel rumgekommen ist, ist unsere Generation offener.“

Wo genau sie die Risiken sieht, jemanden aus dem Ausland zu holen? „Dass das wegen der anderen Ausbildung Probleme geben kann, ist einem vorher schon bewusst“, sagt sie dazu. Gerade im sehr strengen Katasterwesen, wo sie selbst letztendlich für alles gerade stehen muss: „Ich muss das dann beglaubigen!“ Aber es geht für die Juniorchefin auch um europäische Solidarität: „Hey, euch geht’s gerade nicht so gut, wir sind alle Europäer, wir gucken zusammen, wie’s weitergeht.“

Und ihr Fazit? „Ich würd’s wieder tun.“ Das Gute sei, dass man nun wisse, wo die Probleme liegen. Man braucht einen Vertrauensvorschuss, und manchmal geht es auch schief, aber, wie Flüssmeyer es so schön formuliert: „Man muss halt kulturelle Unterschiede akzeptieren lernen. Und das hat unsere Generation drauf.“