Die deutsche Vermessungsarchitektin K. Flüssmeyer aus Osnabrück und ihr spanischer Mitarbeiter I.O. Muniz.

I.O. Muniz und K. Flüssmeyer. Bild: K. Brunkhorst

27. November 2012

Die spanische Fachkraft und der deutsche Fachkräftemangel

Teil 1: Von Oviedo nach Osnabrück.

Heute schauen wir auf Oviedo, Spanien. Mit Icaro Obeso Muñiz nämlich, der von dort hierher zu uns nach Osnabrück gezogen ist. Der 29-jährige Vermessungsingenieur arbeitet seit dem 1. April 2012 beim Vermessungsbüro Flüssmeyer, wo sich Juniorchefin Kirstin Flüssmeyer sehr über ihn freut: Der Mann aus Nordspanien, der in seiner Heimat keine Arbeit mehr finden konnte, schließt in Deutschland eine der Lücken, die der Fachkräftemangel gerissen hat. Mit beiden zusammen haben wir in ihrem Büro darüber gesprochen, wie sie eigentlich zusammengekommen sind.

Warum, zum Beispiel, fand Frau Flüssmeyer keinen bereits hier ansässigen Vermessungsingenieur? Liegt es an Osnabrück? „Das hat mit der Region nichts zu tun“, verneint sie. „Es ist ein deutschlandweites Problem, dass die guten Leute direkt von der Uni von den großen Unternehmen weggeschnappt werden.“ Der 33-jährigen, die in 3. Generation die Leitung des Familienbetriebes übernommen hat und diesen mit Blick auf die Zukunft neu aufstellen möchte, macht diese Situation zu schaffen. Mehr zu Frau Flüssmeyer, ihrer Geschichte und ihren Erfahrungen als Arbeitgeberin übrigens in Teil 2; heute richten wir den Blick zunächst, wie angekündigt, auf ihren „Gastarbeiter“ Icaro O. Muñiz - und dessen Perspektive auf uns und unsere Stadt.

 Muñiz war gerade mal zweieinhalb Jahre in seinem Beruf tätig, bevor er letztes Jahr Spanien, „wohl endgültig“, verlassen musste. „Momentan gibt es einfach keine Arbeit“, sagt er. Nicht nur ihm gehe es so; wohin er schaue, seien die Freunde „entweder in Afrika, Asien, Frankreich oder Polen, oder zuhause bei den Eltern.“

Woran liegt es? Die Wut ist spürbar, als Icaro, dessen Deutsch übrigens beeindruckt, zusammenfasst: „Unsere Politiker sind verantwortungslos.“ Durch die Bank und durch alle Parteien hinweg herrsche die Korruption, die schließlich in der Bankenkrise ihren erschreckenden Gipfel erreicht habe. Mit der Konsequenz, dass „normale Leute, die keine schlimmen Dinge getan haben, zahlen müssen.“

Die Korruption erstrecke sich auch in sein Fachgebiet, das Katasterwesen, das in Spanien nicht geometrisch, sondern finanziell motiviert und damit ungenau sei. Icaro Muñiz hofft auf ein einheitliches europäisches System, für das dann alle alten schlechten Pläne adaptiert werden müssten. Eine eventuell utopische Heidenarbeit, die allerdings irgendwann wieder Arbeitsplätze schaffen könnte...man darf ja noch träumen.

Bis dahin ist der junge Spanier hier, in Norddeutschland. Er zahlt zwar den Preis, weit weg von Familien und Freunden zu sein, kann aber immerhin in seinem erlernten Beruf arbeiten, im Gegensatz zu vielen seiner Freunde, die wie Teenager noch mit 30 und darüber bei den Eltern wohnen müssen. Icaro hatte immer diese Motivation, und sein Plan ging auf: Er hat mit einem ERASMUS-Stipendium ein Zweitstudium in Bochum angefangen, „Geografie und Raumplanung“, mit dem erklärten Ziel, hier Arbeit zu finden. Über eine Bewerbung auf der EURES-Webseite landete er schließlich bei Kirstin Flüssmeyer, wo er sich im „last recall“ gegen 4 direkte Mitbewerber durchgesetzt hatte. Seine Initiative war es, die überzeugte.

Und Osnabrück, kann ihn das überzeugen? „Die Altstadt ist schöner als die von Bielefeld“, schmunzelt Muñiz, der noch nicht so viele Vergleichsmöglichkeiten hat. Und was vermisst er an Oviedo, das immerhin 250.000 Einwohner hat? „Das Großstadtgefühl fehlt mir hier schon manchmal, auch im Vergleich zum Ruhrpott“, sagt er. In der Heimat war er sehr aktiv, auch kulturell, und hat Radio gemacht, Fußball gespielt, und auch Kinder trainiert. Hier spielt er auch, bei Eintracht Osnabrück, und erkundet am Wochenende die Umgebung per Bahn oder Rad: Bad Essen und Bramsche hat er so schon gesehen sowie Bremen und Hannover.

„Ich habe schon viel gelernt, die Kollegen sind alle sehr nett“, versichert Icaro Muñiz, dessen Deutsch wohl auch deshalb so gut ist, „weil ich keine anderen Spanier gesucht habe.“ Der Mann ist wirklich motiviert! Was seine Chefin, Kirstin Flüssmeyer, zu berichten hat, das steht hier nächste Woche an gleicher Stelle.